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Lesung des AK Lyrik im Botanischen Garten/München (vom 14. Juni 2026)

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Die Lesung des AK Lyrik am 14. Juni 2026 im Botanischen Garten/München  war eine jener seltenen Veranstaltungen, bei denen Thema, Ort und künstlerische Umsetzung eine so überzeugende Verbindung eingingen, dass sich das Ganze wie selbstverständlich fügte.

Das gewählte Thema »Draußen« erwies sich dabei als außerordentlich ergiebig. Die Texte näherten sich ihm aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: als Naturerfahrung, als Reflexion über Landschaft, als Nachdenken über Erinnerung, Vergänglichkeit und Wahrnehmung, aber auch als Erkundung jener Grenzräume zwischen Innen und Außen, zwischen Individuum und Welt, die seit jeher zu den großen Themen der Lyrik gehören. Gerade diese Vielfalt machte den Reiz des Nachmittags für mich aus, denn: Das Thema wurde nicht illustriert, sondern immer wieder neu befragt und erweitert.

Besonders beeindruckend war die große stilistische Bandbreite der vorgetragenen Texte. Jede Autorin und jeder Autor fand einen eigenen Zugang zum Thema und eine eigene Form der Präsentation. Manche Beiträge wirkten konzentriert und meditativ, andere erzählten, beobachteten oder überraschten durch sprachliche Pointen. Diese Unterschiedlichkeit verlieh der Lesung ihre Lebendigkeit. Die einzelnen Stimmen blieben unverwechselbar und traten zugleich in einen (gedanklich) produktiven Dialog miteinander.

Der Botanische Garten war hierfür natürlich der denkbar idealste Ort. Die umgebende Vegetation, die offenen (gewissermaßen zur Lyrik führenden) Wege, das Licht und die Atmosphäre des Gartens bildeten keine bloße Kulisse, sondern wurden zu einem stillen Mitspieler der Veranstaltung. Immer wieder entstand der Eindruck, als würden sich die Gedichte in den Raum hinein verlängern und von ihm zugleich beantwortet werden. Viele Texte gewannen durch diese Umgebung eine zusätzliche Resonanz, die in einem geschlossenen Veranstaltungsraum kaum denkbar gewesen wäre.

Auch die musikalische Ergänzung durch die Querflöte (einschl. der Auswahl der vorgetragenen Stücke) fügte sich auf ausgesprochen schöne Weise in das Gesamtbild ein. Die musikalischen Zwischenspiele schufen Übergänge, eröffneten Momente der Sammlung und ließen den Texten Raum zum Nachklingen. Dabei trat die Musik nie in Konkurrenz zur Lyrik, sondern unterstützte sie behutsam und sensibel.

Literaturgeschichtlich steht das Thema »Draußen« in einer langen Tradition. Von der Naturlyrik eines Friedrich Hölderlin und Eduard Mörike über die Landschaftserfahrungen bei Rainer Maria Rilke bis hin zu den präzisen Naturbeobachtungen einer Sarah Kirsch oder den poetischen Erkundungen von W. S. Merwin und insbesondere Mary Oliver zeigt sich immer wieder, wie eng Naturerfahrung und poetische Wahrnehmung miteinander verbunden sind. Die Lesung erinnerte daran, dass diese Tradition keineswegs abgeschlossen ist, sondern von zeitgenössischen Stimmen auf vielfältige Weise fortgeführt wird, was meinen Blick auf das Thema tatsächlich verändert und bereichert hat

So bleibt vor allem Dank: für die sorgfältige Organisation, für die Offenheit und Vielfalt der Texte, für die gelungene Verbindung von Literatur und Ort sowie für einen Nachmittag, der gezeigt hat, wie lebendig und gegenwärtig Lyrik sein kann, wenn sie nicht nur gelesen, sondern gemeinsam erlebt wird.

 

Christian Dörge

www.christiandoerge.de

  • Christian Dörge
  • Josef Peitner.